SPUREN IM
RAUM
Kaum ein anderes Denkmal hat eine derart bewegte und skurrile Geschichte wie das Wißmann-Denkmal. Es ist nicht nur interkontinental bewegt worden, sondern auch durch verschiedene Epochen der Verehrung und Verachtung hindurch gereist. Am Schicksal dieses Denkmals lässt sich beispielhaft die (post)koloniale Mentalitätsgeschichte ablesen.
Botanische Garten Hannover. Schraubenbaum. Mit der der Annexion afrikanischer Kolonien ab 1884 änderte sich die Rolle der Botanischen Gärten und der Botanik als Wissenschaft drastisch. Einerseits stand die Erforschung von Pflanzen hinsichtlich ihres wirtschaftlichen Nutzens im Vordergrund. Andererseits erfüllten botanische Gärten zunehmend eine repräsentative Funktion, um das deutsche Kolonialsystem in der Heimat erfahrbar zu machen.
„Der deutsche Kolonialismus hat tiefe Spuren in den städtischen Räumen hinterlassen. Denkmäler, Straßennamen, Gebäude und Institutionen sind Teil der kolonialen Topografie unserer Städte. Die kolonialen Bezüge sind nur manchmal noch sichtbar, zum Beispiel bei Denkmälern oder Straßennamen. Häufiger sind sie unsichtbar, teils, weil ihre materiellen Manifestationen im Krieg zerstört wurden, teils, weil ihr kolonialer Ursprung oder Zusammenhang vergessen, ignoriert oder von anderen, nachkolonialen Erzählungen und Zuordnungen überlagert wurde. Hier sind zum Beispiel Museen, Universitäten, Zoos und Botanische Gärten als Orte kolonialer Wissensproduktion und Vermittlung zu erwähnen.“
Marianne Bechhaus-Gerst
Um den Carl Peters Platz in Hannover, seine Umbenennung und das dazugehörige Denkmal gab es bereits in den 80er Jahren heftige Diskussionen. Der Platz wurde 1991 in Bertha-von-Suttner-Platz umbenannt und das Denkmal bekam eine zusätzliches Metalltafel, die auf die Geschichte des Denkmals hinweist. In ‚Ostafrika‘ wurde Peters „mkono wa damu“, auf deutsch „Blutige Hand“ genannt, in der kolonialkritischen deutschen Presse hieß er „Hänge-Peters“.
Ehemalige Fabrik und Firmenzentrale und Verwaltungssitz der Firma Bahlsen
Grabmal von Carl Peters (1856-1918) Hannover, einem grausamen deutschen Kolonialherrn, Entdecker, Politiker und Autor und einem wichtigen Förderer bei der Gründung der deutschen Kolonie Ostafrika (heutiges Tansania). Carl Peters war ein Verfechter des Sozialdarwinismus und der völkischen Philosophie, seine Haltung gegenüber der indigenen Bevölkerung machte ihn schon zu Lebzeiten zu einem der umstrittensten Kolonisatoren.
Anbau der ehemaligen Kolonialschule. Die Ende des 19.Jahrhunderts (1898) gegründete Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe (kurz: DKS) in Witzhausen, bildete zukünftige Landwirte, Wirtschafts- und Plantagenbeamte aus. Fächer der Schüler waren Volkswirtschaftslehre, Organische Chemie, Pflanzenbau, Forstwirtschaftslehre, Tropengesundheit, Völkerkunde, Tierarzneikunde, Geologie, Botanik und Religionsgeschichte. Trotz Verlust des deutschen Kolonialbesitzes 1919 blieb die DKS bis 1944 in Betrieb.
Sonnenuhr im Botanischen Garten Hannovers, der einer der ältesten botanischen Gärten Deutschlands ist (1666). Kurfürstin Sophie wandelte den Berggarten in einen Garten für exotische Gewächse um. 1686 ließ sie ein Gewächshaus bauen. Neben der Zucht exotischer Gewächse diente der Garten als Experimentierfeld für die Anzucht südländischer Pflanzen.
Das zur ehem. Kolonialschule gehörende Gewächshaus für (sub-)tropische Nutzpflanzen gehört heute zur Universität Kassel. Schwerpunkt liegt auf der „Verbesserung“ bzw. Entwicklung von Pflanzen und Landnutzungssystemen. Vor dem Hintergrund kritischer Betrachtung der Entwicklungszusammenarbeit wird die Arbeit des DITSL von postkolonialen Akteur*innen kritisch betrachtet.
Farbiger Protest gegen die öffentliche Ehrung bzw. das Gedenken des Gründers der Kolonialschule Ernst Albert Fabarius (1859–1927), der zusammen mit kolonialinteressierten Unternehmern und Vertretern des Hochadels gründete.
„Die Organisatoren des Humboldt-Forums haben zehn Jahre lang gedacht, man könne ein solches prestigeträchtiges Projekt in der Mitte der Bundesrepublik bauen, ohne das Publikum darüber aufzuklären, wie die Throne, Waffen, Amulette, kostbaren Gefässe und Skulpturen aus Afrika, Asien und Amerika einst nach Berlin gekommen sind. Das war naiv. Das lag vielleicht daran, dass sie schon lange keinen Kontakt mehr zu jüngeren Generationen hatten. Sie haben starke Signale überhört. Sie haben nicht wahrhaben wollen, dass für die Jüngeren die Frage nach der Herkunft – von Kaffee, Textilien, Möbeln, Handy-Teilen, aber auch von Kulturgütern – sehr wichtig geworden ist.“
Bénédicte Savoy, 2019
Ostafrikastraße im sogenannten Afrikaviertel in Hannover, das im Nationalsozialismus gegründete Stadtgebiet erhielt Straßennamen von ehemaligen dt. Kolonien.
Auf dem Zionsfriedhof in Bielefeld-Bethel sind die beiden Kinder Fatuma (5) und Kali-All (13) begraben, die von Bethel Missionaren 1891 aus afrikanischen Missionen nach Deutschland gebracht wurden. Eines der Kreuze trägt die Inschrift: ‚Ich bin schwarz, aber gar lieblich‘ (Hohelied 1). Die beiden Kinder wurden als vermeintlicher Akt der Befreiung aus dem Umfeld der Sklaverei heraus nach Deutschland gebracht. Ein gutes, christlich motiviertes Umfeld sollte sie prägen. Die Kinder starben wenige Jahre an der Tuberkolose.